Empfehlungen für Mischpulte

VVEine der von Hobbyradiomachern am meisten gestellten Fragen ist: „Könnt Ihr mir ein Mischpult empfehlen?"

Klare Antwort: „Nein.“

Wieso denn nicht?

Nun, eine eindeutige, pauschal gültige Antwort zu geben ist unmöglich – dazu sind einfach die Ansprüche der einzelnen Benutzer viel zu unterschiedlich. Einige der in Betracht zu ziehenden Voraussetzungen wären:

  • Wie wird das Pult im Zusammenspiel mit mAirList genutzt? Für Livesendungen oder mittels Voicetracking; werden externe Zuspieler eingesetzt?

  • Soll es eine interne Soundkarte haben?

  • Wird Fernsteuerung benötigt, …

  • … oder gar Faderstart?

  • Wieviele externe Zuspieler sind anzuschließen?

  • Und wieviele Mikrofone?

  • Sollen Telefone o.ä. angeschlossen werden?

  • (Gute) Aussteuerungsmesser sind ganz wichtig.

  • Braucht es Einstellmöglichkeiten für EQ und Dynamik?

  • Oder Inserts?

  • Die Ergonomie spielt eine Rolle …

  • … und die Haltbarkeit.

  • Wieviel technisches Verständnis bringt der Benutzer auf?

Und natürlich

  • was kann sich der Benutzer überhaupt leisten?

(Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Wie nun weiter? Nachfolgend ein paar Erklärungen:

Grundsätzlich ist festzustellen, daß nicht jede Kiste mit Schiebereglern ein für den Radiobetrieb geeignetes Mischpult darstellt. (Allerdings gibt es sogar Mischer, die gar keine Schieberegler haben, sondern nur Knöpfe! Davon soll hier jetzt nicht die Rede sein, geht lieber was schönes essen anstatt sowas zu kaufen!)
Der Mischpulte gibt es im wesentlichen zweierlei: Solche für Musikproduktion und solche für Rundfunkanwendungen. Und der Unterschied? Einfach: Radiopulte sind viel schwerer zu finden! Okay, etwas genauer: Produktionspulte besitzen einen Haufen monophoner Mikrofoneingänge und Sub-Summen, sie sind für Aufnahmen optimiert. Sendepulte haben mehr Stereo- als Monoregler und im besten Falle keinen Masterregler. Sie sind hauptsächlich für die Wiedergabe gebaut.

Livesendung oder Voicetracking: Livesendungen sind aus technischer Hinsicht keine große Sache. Kommt Voicetracking ins Spiel, wird es komplizierter. Weniger, um die Voicetracks vorzuproduzieren, die für eine spätere automatische Ausspielung vorgesehen sind. Will man aber während seiner Sendung Voicetracks produzieren (Off-Air-Recording), dann braucht das Pult eine unabhängige zweite Summe, damit nicht die ganze Vorproduktion auf die „Antenne“ durchschlägt. (Allerdings frage ich mich immer wieder, wieso man das überhaupt anstrebt. Wenn ich live sende, dann kann ich schließlich auch meine Moderationen live machen.)
Will man ausschließlich Audiofiles abspielen, spart man sich jede Menge Regler am Pult, nimmt sich aber die Möglichkeit, mal eben schnell eine seltene Extraplatte spontan einzusetzen.

Eingebaute Soundkarten erleichtern den Aufbau des ganzen Studios (weniger Kabel). mAirList kommt mit allen zeitgemäßen Windows-Soundstandards klar (allerdings sollten WASAPI-Treiber immer bevorzugt werden). Sollte das Pult keine interne Soundkarte aufweisen, muß eine Mehrkanal-Soundkarte zusätzlich beschafft werden.

Fernsteuerungen („Signalisation“) machen das Leben des Moderators wirklich leichter. Es gibt sie als sog. Hotkeys, also Tasten über oder unter dem Regler, mit denen man die mAirList-Player oder auch externe Zuspieler starten kann. Oder irgendwo auf der Pultoberfläche kommen solche Tasten gehäuft vor, um damit beispielsweise die Cartwall zu bedienen. Manche Pulte erlauben die Fernsteuerung von Software über den USB-Anschluß (vorher klären, ob mit mAirList kompatibel), falls nicht, braucht Ihr ein separates Interface dafür.

Noch leichter wird es mit Faderstart („Reglerfernstart“): Im Regler befindet sich ein Kontakt, der betätigt wird, wenn der Regler aus seiner untersten Position bewegt wird. Regler auf → Musik spielt, Regler wieder zu → Musik stoppt. Einfacher geht’s nicht. Ich selber (als professioneller Tontechniker) setze mich an kein Pult mehr ohne Faderstart. Für die Mikrofonkanäle braucht es das sowieso, damit schöne Rotlichter geschaltet werden können und – wichtig! – die Abhörlautsprecher während der Ansagen verstummen (sonst gibt es grausame Rückkopplungen).

Für externe Zuspielgeräte (CD-Spieler, Plattenspieler, Bandmaschinen usw.) braucht man mehr Regler auf dem Pult, klar. Falls man aber viele Geräte besitzt, kommt man in Schwierigkeiten, weil die Pulte einfach nicht so viele Regler haben (jedenfalls die, die wir uns leisten können). Dagegen gibt es Kanalzüge am Pult, deren Eingang mittels Taste umgeschaltet werden kann, oder man benutzt ein externes Steckfeld.
Sollen Schallplatten gespielt werden, brauchen die Pulteingänge jeweils Entzerrervorverstärker mit RIAA-Kennlinie. Falls sie das nicht haben, müssen diese Vorverstärker zusätzlich zwischen Plattenspieler und Pult eingeschleift werden.

Mehr als ein Sprecher erfordert auch mehrere Mikrofone, und damit mehr Mikrofoneingänge. Ideal wäre ein Mikrofon pro sprechender Person, aber mindestens eines pro Moderator. Studiogäste können sich eines teilen, wenn sie ordentlich platziert werden und sauber ausgesteuert wird. Ihr wißt ja: Einfach zwei Geräte in einen Eingang zu stecken funktioniert nicht!

Wer Telefon- und ähnliche Leitungen auf das Pult schalten will, braucht n–1-Wege (sprich: „enn minus eins“). Sie sind auch unter Mix-minus oder Cleanfeed bekannt. Sie schicken das Summensignal zum Anrufer, aber ohne den Anrufer selber. Hat man das nicht, handelt man sich Echoeffekte ein, die ein zuhören unmöglich machen. Diese n–1-Wege gibt es entweder fest verdrahtet, oder man schaltet sie sich mit AUX-Wegen (Hilfssummen) zurecht.

Sauber ausgesteuerte Audiosignale sind das A und O einer Sendung, die der Hörer nicht entnervt abschalten soll. Also benötigt man einen anständigen Pegelmesser im Pult. In der Regel sind das längere oder kürzere LED-Ketten. Es kommt auch hier aber nicht in erster Linie auf die Länge an: Viel wichtiger sind die sogenannten ballistischen Eigenschaften, wie schnell die Anzeige reagiert und wie langsam sie wieder zurückgeht. Sogenannte PPM-Anzeigen („Peak Programme Meter“, „Spitzenwertanzeigen“) sind gewöhnlichen (und leider billigen) VU-Metern unbedigt vorzuziehen! Was aber immer geht (und auch so gemacht werden sollte), ist, einen brauchbaren externen Pegelmesser an die Pultsumme anzuschließen.

Mikrofon- und Telefoneingänge sollten Entzerrer (EQ) aufweisen, für die Zuspieler sind sie nicht unbedingt nötig. Die Dynamikbearbeitung (Limiter/Kompressor) würde ich externen Geräten überlassen.

Damit man diese anschließen kann, benötigt man Einschleifwege (Inserts). Welche für Mikrofon- und Telefonkanäle reichen aus.

Wie steht es eigentlich mit der Ergonomie? Brauchen das Hobbyleute überhaupt? Nun, wer „radiomachen“ in erster Line als die Ansammlung eines Haufens bunt blinkender Geräte versteht, wo achtern irgendwie Ton rauskommt, braucht diesen Absatz natürlich nicht zu lesen. (Er braucht auch diesen ganzen Beitrag nicht. Zeitverschwendung. Geh weiter spielen!) Wer jedoch flüssige, fehlerfreie Sendungen zu produzieren bevorzugt, der sollte sich tatsächlich mal ein paar Gedanken darüber machen.
Das Produzieren von Radiosendungen, sei es als Selbstfahrer oder auch „nur“ als Techniker hinter der Scheibe, ist ein irre anspruchsvoller Job, zumindest wenn das Ergebnis nicht nur aus einer Aneinanderreihung von Pannen bestehen soll. (Und nein, die sind nicht witzig, einem ernsthaften Hörer gehen die auf den S*ck!) Da aber unser aller Hirnkapazität nur begrenzt ist, wirken sich alle Einflüsse, die uns vom konzentrierten Arbeiten ablenken, negativ auf die Faktoren, die ein akzeptables Endprodukt ausmachen, aus: Die Präsentation, deren Inhalt (ja, auch sowas ist wichtig), schöne Übergänge zu fahren, das Timing und noch viel mehr – diese Einflüsse müssen auf ein Minimum reduziert werden. Am besten geht das, wenn man sein Pult blind und ohne nachzudenken bedienen kann. Jeder nicht wirklich benötigte Knopf am Pult ist daher einer zuviel und – lenkt ab. Liegen die Regler so dicht beieinander, daß man vor dem Bedienen immer erstmal hinschauen muß – lenkt das ab. Oder bunt blinkende, mit Blödsinn überladene Bildschirme – auch die lenken ab.
Wer schon mal ein „richtiges“ Radiostudio von innen gesehen hat, mag vielleicht davon enttäuscht sein, wie unspektakulär die ganze Gerätschaft dort scheint. Ich aber sage Euch: die ist keineswegs unspektakulär, denn Profis wissen genau, was sie wollen!
Also sucht Pulte, auf denen die Regler mindestens 30 mm voneinander entfernt sind. Saubere Beschriftung sowie weich laufende Regler und Knöpfe sind gleichermaßen wichtig. Und die Regler sollen einen mindestens 100 mm langen Weg aufweisen. Master Fader braucht ein Sendepult überhaupt nicht. (Leider werden sie gerne eingebaut, weil sie eine billige Methode darstellen, das Pult cooler aussehen zu lassen.)
Die neueste Sau im Dorf sind Pulte, deren Oberfläche lediglich auf dem iPad oder einem anderen Touchscreen dargestellt wird. Spitzenmäßig, um vor Freunden damit anzugeben, für ernsthaften Sendebetrieb jedoch – sorry an alle, die schon so eins haben – absolut ungeeignet! Es handelt sich hier nur um weiteres Einsparpotential seitens des Herstellers. Warum? Weil man immer erst hingucken muß, um irgendein Bedienelement zu finden. Dann kann man seinen Finger nicht schonmal auf eine Taste legen – sie schaltet ja sofort! Und wie man damit zwei Elemente gleichzeitig bedienen soll (z.B. für eine Kreuzblende, kommt im Radio ständig vor!), konnte mir bisher auch noch keiner erklären.

Haltbarkeit: Es ist ein großer Unterschied fürs Pult, ob man nur hin und wieder mal sendet oder rund um die Uhr. Zwar geht jedes Pult irgendwann mal kaputt, generell möchte man das aber lieber später als früher. Ich meine damit nicht, daß mit einem mal Sendepause ist, sondern die Regler laufen dann nicht mehr so weich, geben (elektrische) Kratzgeräusche von sich, oder man drückt auf einen Knopf, und es passiert nichts. (Oder nicht das gewünschte.) Und sollte sich doch mal ein Defekt einschleichen, dann soll er (auch nach Jahren noch) mit wenig Aufwand repariert werden können. Das gibt’s nicht umsonst – gute Qualität hat ihren Preis! Für Leute, die vielleicht mal eine Stunde pro Woche auf Sendung sind (und die sich nach ein paar Monaten ohnehin ein anderes Hobby suchen) mag ein billiges No-Name-Pult aus Fernost ausreichen. Aber immer dran denken: Wer billig kauft, kauft zweimal!

So ein Tonstudio ist schon eine ziemlich komplexe Sache, mit all den Geräten und Kabeln, die in einer bestimmten, sinnvollen Weise miteinander spielen sollen. Dafür braucht Ihr ein Mindestmaß an technischem Verständnis. Es gibt einfach keine Plug-and-Play-Lösungen. Allein ein simples Rotlicht im Studio muß schon mittels Lötkolben und Werkzeug angeschlossen werden. (Oder man kennt halt jemanden, der’s einem bastelt.) Wer davor Angst hat, Gehäuse mit Drähten, Steckverbindern und Relais zu füllen, sollte sich nach einem Pult mit integrierter USB-Soundkarte und -Fersteuerung umsehen. Er würde am ausrangierten Pult eines professionellen Radiosenders verzweifeln!

Soll’s Cinch oder XLR sein? Egal, das Pult hat, was es hat, man kann sich das nicht aussuchen. Professionelle Geräte haben immer XLR (oder schlimmeres), im unteren Preissegment herrschen Cinchbuchsen vor. (Mikrofonwege haben durchweg XLR- oder wenigstens Klinkenbuchsen.) Bei XLR-Steckern sollte man aber die Kosten nicht aus dem Auge verlieren: Ein Stück kostet schon mal drei, fünf, oder sieben Euro, und für eine Stereoquelle braucht man viere!

Profigeräte sind klasse, sie haben alles, was ich bis hier beschrieben habe. Allerdings auch ihren Preis: Hohe fünfstellige Summen – wenn nicht sogar mehr – sind dafür anzulegen. Sowas lohnt nur, wenn man mit seiner Senderei Geld verdient. Und glaubt keinem Prospekt, in dem das Wort „professionell“ steht (von Studer-Prospekten mal abgesehen)! Wer von Fach ist, weiß ohnehin, welches ein Profigerät ist.

Aber was schreibt der hier?, mögt Ihr denken, und gleichzeitig auch ein bißchen an Euer (vermutlich viel zu schmales) Bankkonto. Ich kann mir ohnehin nur das leisten, wozu ich Geld habe! Jawohl, zweifelsohne ist das so. Aber damit Ihr Euer Geld nicht verpulvert, habe ich diese Gedanken zusammengetragen, damit sie Euch als Entscheidungshilfe dienen können. Am Ende müßt Ihr selber gewichten, worauf Ihr wert legt und worauf nicht und danach Eure Entscheidung treffen. Hat euch dieser Beitrag dabei nur ein wenig geholfen, so sei’s mir recht.

Ich nenne hier bewußt keine Marken. Meine einzige Empfehlung ist, ein spezielles Pult für den Radiobetrieb anzuschaffen, alleine schon wegen der Signalisations-/Fernsteuermöglichkeiten.

Ach ja, Ihr könnt Euch natürlich auch ein gebrauchtes Pult kaufen. Gute Idee, spart einen Haufen Kohle! (Oder man bekommt mehr Pult fürs gleiche Geld.) Allerdings solltet Ihr genau wissen, woher das Gerät stammt und nicht aus zweifelhaften Quellen kaufen. Und immer Obacht geben: Ein versteckter Defekt kann die ganze schöne Ersparnis zunichte machen! Und wer schon mal Ersatzteile für professionelle Geräte gekauft hat, weiß, daß diese gerne mal von den Händlern mit Gold und Edelsteinen aufgewogen werden.

Fröhliches senden

TSD


Edit: Tuppfehler

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